„Das ist meine Zeit, die will ich nicht absitzen, die will ich leben“ – Zu sieben Jahren Knast ist Barbara gerade verurteilt, wegen Bankraubs. Zwei Jahre überlebt sie in strenger Einzelhaft, schlägt eigensinnig um sich, um nicht in Verboten und Verordnungen unterzugehen. Doch es gibt Pannen im Getriebe der Bürokratie, Lücken zwischen Gitterstäben und Mauern. Dort lebt sie, unbeobachtet, und beginnt, heimliche Kontakte zu knüpfen… Sie erfährt von anderen Schicksalen. Trotz aller Verbitterung, Trauer und Schuldgefühle sieht Barbara Lebenslust bei ihren Mitgefangenen aufblitzen und lernt so die phantasievolle Verweigerung des Gefängnistrotts. Sie wird zur Komplizin.
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Die Geräusche sind von Anfang an da. Gurrende Tauben mit monotonen Grabgesängen, laute Protestbekundungen einer Unbekannten, scheppernd aus dem Fenster fliegendes Blechgeschirr, das mit lautem Getöse im Hof aufschlägt. Die Geräusche kommen vor dem ersten gesprochenen Satz, der im Gefängnishof auf eine Zuhörerin trifft und sich nicht als Geräusch verliert. Die Kamerabewegung versucht, diesen Tönen nachzuspüren, unruhig bis zur Raserei dann in die Schräglage gekippt oder mit einem Salto auf den Kopf gestellt, allein in der Einzeizelle kreisend um sich selbst.
Auch diese Bilder sind da, bevor die Geschichte anhebt. Die extreme Bildhaltung mit dem expressionistischen Zug will die Welt aus den Fugen reißen, aus denen sie hier schon lange geraten ist. Keine gefälligen, sondern verstörte und zerstörte Bilder unterstreichen den aufständischen Gestus, der langsam in die Geschehnisse hinüberleitet, langsam Bruchstücke von Geschichten preisgibt, diesich nie mehr zusammenfugen werden, durch die einfach ein ewiger Riß geht. Die Geschichte der Hauptfigur, Barbara, die wegen eines Bankraubs zu sechs Jahren Haft verurteilt ist, spiel dabei nicht einmal die Hauptrolle. Von ihr erfährt man nur — und das von immer wiederkehrenden Bildert unterstützt —, daß sie einen kleinen Jungen hat, daß ihre Gedanken nach draußen nur um ihn kreisen; ansonsten ist sie eine Art Vermittlerfigur für den Zuschauer. Sie führt nach Aufhebung der Einzelhaft hin zu den andern bis sie zu einem kleinen Kreis von Komplizinnen zusammenwachsen.
Margit Czenki hat die Dramaturgie genial durchdacht. Sie will mit den Bildern um Geräuschen einen Aufruhr erzeugen, den sie selbst einmal erlebt hat — denn Barbara Geschichte ist auch ihre eigene; allerdings ohne die damaligen politischen Hintergründe. Sie wollte ihre Figuren nicht für extrem Gefühle ausbeuten, ihnen auf keinen Fall zu nahe treten. So ist es zu einem formal sehr künstlichen, sehr gestalteten Film gekommen, der mit dem Beharren auf dem schrägen Blick seine Wirkung nicht verfehlt und mit seiner radikalen Bildführung durchaus Aggressionen beim Zuschauer provoziert.
Gewissermaßen ausgleichend wirken dazu die Gesprächsfetzen, die jedoch keine Fragen nach dem Warum oder nach Zusammenhängen beantworten können und sollen. Man spürt nur. wie sich in diesem abgeschotteten Innenraum langsam Berührungspunkte ergeben, wie sie gesucht werden. Sie wolle ihre sechs Jahre nicht absitzen. sondern leben, protestiert Barbara gleich zu Anfang. Leben wollen und nicht leben dürfen — in diesem Spannungsgefüge bewegt sich auch der Film. Obwohl er nie. außer im Traum, über die Gefängnismauern hinausblickt, spürt man diesen Lebensmut, der auch ein Stück Lebenswut in sich trägt. Ohne ihn käme es nie zum Aufbegehren, zum Widerstand gegen die ständigen Störversuche oder schikanösen Ermahnungen des Aufsichtspersonals, gegen die menschenfeindliche Herausforderung oder gegen die geforderte Umerziehung zu ordentlichen Weiblichkeit. In einer kollektiven Kußaktion oder in der gemeinsamen Randale nach der Durchsage vom Tod eines Häftlings (der nur Jan-Carl Raspe gewesen sein kann), schließlich in einem Hungerstreik, zeigen sich die Wirkungen der Komplizenschaft, die hauptsächlch bedeutet: Frauen-Sein mit Ausgelassenheit, und sei es auf diesem schnöden Lebensfleck, auf dem man nur gemeinsam ein Stück Lebensqualität entwickeln kann. Daß nach der Entlassung wieder eine neue Zeit anbricht, der Film selbst ist ein Beweis dafür, was Margit Czenki und ihr Versprechen über ihre Erfahrungen zu berichten anbelangt. Daß Entlassung aber auch bedeuten kann, sich endlich den ersehnten goldenen Schuß zu setzen. Die einzelnen Lebensläufe laufen wieder auseinander, vielleicht für immer.
Marli Feldvoß, epd Film 5/88



…Ich war ganz erfüllt von den „Komplizinnen“; so intensiv hatte ich im Film den Knast noch nie erlebt, und gleichzeitig hatte ich das Gefühl, ein Werk gesehen zu haben, das für den deutschen Film wieder hoffen lässt, etwas exemplarisches, ein Meisterwerk oder so, mindestens. Aber sie Meisterin zu nennen war mir denn doch zu blöd – an was für Regeln sollte man „Komplizinnen“ denn messen; es ging ja gerade um Regelverstösse, um das „trotzdem leben“. (…)
Dietrich Kuhlbrodt, „Ich habe ja noch Glück gehabt“, Szene Hamburg, 1987



Der erste Spielfilm von Margit Czenki hat die Jury beeindruckt wegen der ungewöhnlichen Übereinstimmung von Inhalt und formaler Arbeit. Alltag in einer Vollzugsanstalt für weibliche Inhaftierte wird mit gut ausgewählten und geführten Schauspielerinnen und Schauspielern, kluger Farbdramaturgie und dramaturgisch überzeugend eingesetzter Kamera geschildert. Die schräg gekippten Bilder haben nichts mit modischer Affektiertheit zu tun. Sie sind als Methode notwendig: um Zelle und Zellendecke zugleich zu zeigen. So wird dem Zuschauer vermittelt, was es heißt, eingesperrt zu leben. Zugleich wird deutlich, wie sich für die eingesperrte Frau die Perspektiven verschoben haben. Es gibt keinen .normalen« Blick mehr für sie. Nur in den wenigen Momenten in denen sie sich relativ unbeschwert fühlt, mehr bei sich als außer sich, ist auch das Bild „normal“.
In der langen Reihe der Gefängnisfilme ist dies einer, der kühn und neu erzählt. Er konnte nur unter den größten Schwierigkeiten hergestellt werden. Margit Czenki hat selbst erlebt, was sie zeigt. Aber bei aller heftigen Beteiligtheit erzählt sie doch distanziert: wie eine Freiheitsstrafe Inhaftierte und Bewacher/innen deformiert. Und wieviel Mut, wieviel Phantasie und welche Kämpfe es erfordert, unter diesen Umständen auf Menschlichkeit und Würde zu bestehen.
Kunstpreis Berlin, Begründung der Jury, 1989
Accomplices is a direct, personal dramatic treatment of the lives of women in prison. Margit Czenki, in her first film, works with material that is all too familiar to her: the former teacher of handicapped children served a five-year prison term for armed robbery as a member of a radical political group (her story was related to Margarethe von Trotta in The Second Awakening of Christa Klages). Pola Kinski portrays Barbara, sentenced to seven years for robbery. After two years in solitary confinement, where she was subject to fits of rage, Barbara begins working in the prison sewing workshop. There she becomes integrated into the world of guilt and anger, as well as the jealousy and hypersensitivity, of the women, many of them mothers, and most of them serving time for murder. Barbara becomes an „accomplice“ in their artful schemes to dodge the prison routine and their own pain.
Judy Bloch, Pacific Film Archive Calendar, 1989



The semiautobiographical Accomplices (Komplizinnen) is a welcome antidote to The Good Mother and the family reviwal. and the family-uber-alles-revival. Director Margit Czenki spent five years in prison for a bank robbery she committed for political purposes, and this first feature is based on her experience behind bars. Seemingly fragmented, the film is actually hewn to a fairly conventional three act narrative lines. It climaxes with a hunger strike.
It’s shot almost entirely at a 45-degree angle (…) Czenki’s alter ego Barbara (Pola Kinski) an intelligent actress with a comading emotional range, has been sentenced to seven years for a political crime. Distraught over the separation from her young son, she is nevertheless able to bond with her fellow prisoners: Irmi (Therese Affolter), who drowned her three year old daughter to keep her from being sent to a home, and Micha (Gerlinde Eger) an addict who dreams of release so she can give herself one finalfix. Micha becomes Barbara’s loyal comrade in the militant struggle against the prison’s senselessly repressive rules. Although Accomplices occasionally strays from movie-of-the-weeek formulas, it’s articulate feminist politics and startling characterizations are admirable and moving.
The Village Voice, 21 June 1988
Regie: Margit Czenki
Drehbuch: Margit Czenki
Kamera: Hille Sagel
Ton: Wolfgang Schukrafft
Musik: Franz Hummel
Schnitt: Ursula Höf
Regieassistenz: Lars Becker
Darsteller:
Pola Kinski, Therese Affolter, Marianne Rosenberg, Gerlinde Eger, Eva Ebner, Ilse Pagé, Petra Rennert, u.v.a.
Produktionsfirma: Elefant-Film / ZDF
Länge: 114 Minuten
FSK: ab 12; f,
Uraufführung (DE): Hof, Filmtage, 26.10.1987 / 14.2.1989 ZDF





